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Fehler kommt nicht von falsch

Fehler kommt nicht von falsch

Wie du als Mediator:in in der Mediation mit dem Wort Fehler umgehen kannst…

Der Vorwurf „Du hast einen Fehler gemacht” fällt in Mediationen regelmäßig. Schwierig wird es jedoch, wenn auf der Sachebene tatsächlich Versäumnisse zu finden sind. Denn trotz der offenkundigen Schieflage möchte sich dennoch keiner der Medianden von den Anderen zum „Schuldigen” erklären lassen. Lest hier, warum das Wort „Fehler” nicht von „falsch” kommt und wie Ihr als Mediator:innen einen sprachlich differenzierten Umgang mit dem bösen F-Wort findet, der einen schuldfreien Raum eröffnet.

Wer hat folgende Situation nicht schon einmal erlebt? In einer innerbetrieblichen Team-Mediation zwischen mehreren Mitarbeitern geht es um die bisher nicht gelungene Umsetzung eines Manuals. Verschiedene Parteien sind der Ansicht, dass die jeweils andere Konfliktpartei die Verantwortung für die Situation trägt, mit der alle Parteien sichtlich unzufrieden sind. Und plötzlich wendet sich eine der beteiligten Parteien vor der ganzen Gruppe an den Sitznachbarn und sagt laut und deutlich: „Aber in der Situation, da hast du doch eindeutig diesen Fehler gemacht!” Für einen kurzen Moment bleibt der angesprochenen Person die Luft weg, doch sobald sich die Konfliktpartei ein wenig gefangen hat, legt sie zum Gegenangriff los….

Du hast einen „Fehler” gemacht

Immer wieder erlebe ich in Mediationen, wie die Situation weiter eskaliert, wenn eine der Konfliktparteien das Wort „Fehler” benutzt. Oftmals wird dann fast körperlich spürbar, welch negatives Gewicht dieses eine Wort hat und wie die Atmosphäre im Raum binnen Minuten hitzig wird. Wenn Medianden auf der Sachebene hören, dass sie einen Fehler gemacht haben, bricht die Verbindung zum Gegenüber meist sofort ab und eine bereits erfolgte Annäherung rückt in weite Ferne. Kein Wunder, denn eine von mehreren Definitionen von „Fehler” lautet: Etwas, was falsch ist, vom Richtigen abweicht; Unrichtigkeit (Duden). Was Medianden gerade im Streit als Botschaft empfangen, wenn sie hören, einen Fehler gemacht zu haben, ist nämlich nicht, dass auf der Sachebene etwas falsch gelaufen ist, sondern dass sie als Mensch oder als Person falsch sind. Oder dass sie Schuld tragen an der gesamten Situation. Und das möchte nun wirklich niemand auf sich sitzen lassen. Wenig überraschend also, dass das Wort „Fehler” in fast jeder Mediation als verlässlicher Trigger fungiert.

Scheitern als Bedrohung des Selbstwertes

"Gerade in individualistisch orientierten Gesellschaften stellt Scheitern eine Bedrohung des Selbstwertes dar. Je mehr Leistung zum Kriterium für die soziale Rolle und das Selbstbild wird, desto gravierender ist ein Versagen." Olaf Morgenroth ist Professor für Gesundheitspsychologie an der Medical School Hamburg mit dem Forschungsschwerpunkt "Umgang mit Fehlern und Misserfolgen“

Quelle: https://www.consulting.de/job-karriere/arbeiten-im-consulting/consulting/10-tipps-so-gehen-sie-richtig-mit-fehlern-um/ abgerufen am 18.2.2020

Konstruktive Auflösung des Wortes „Fehler”

Einen hilfreichen Hinweis zum Umgang mit dem Wort „Fehler” erhielt ich vor längerer Zeit von der GFK-Trainerin Hannah Hartenberg. Das Wort „Fehler”, so verkündete sie auf einem Netzwerktreffen, leite sich nämlich keineswegs vom Wort „falsch” ab. Pause und Grübeln unter den Anwesenden. Nein, wovon denn dann? Vielmehr weise das Wort „Fehler” auf ein „Fehlen” hin. Also darauf, dass in einer schwierigen Situation etwas Entscheidendes für eine gute Lösung oder einen guten Umgang mit der Situation gefehlt hat. Lächeln auf den Gesichtern der Anwesenden. Allen ist intuitiv sofort klar, dass diese Unterscheidung eine neue Denk- und Sichtweise bedeutet. Sie hilft, eine Lernkultur zu schaffen statt eine Fehlerkultur beizubehalten. Diese sprachliche Differenzierung hat mich sofort überzeugt und ich habe sie seitdem in vielen Mediationen erfolgreich angewendet.

„Fehler” kommt nicht von falsch, sondern von "fehlen"

Das kann sich im oben angeführten Beispiel so oder so ähnlich anhören, wenn Ihr als Mediator:innen auf die Aussage “Du hast einen Fehler gemacht” reagiert:

„Wenn Sie als Team davon ausgehen, dass Fehler bedeuten, dass eine oder einer von Ihnen etwas falsch gemacht hat und dafür allein verantwortlich ist, dann besteht die Gefahr, dass Sie sich nun in eine problemorientierte Debatte über Schuld und Nicht-Schuld verstricken. Wenn Sie hingegen, so wie Sie hier als Team zusammensitzen, für einen Moment davon ausgehen könnten, dass sich das Wort „Fehler” nicht von „falsch” ableitet, sondern auf ein „Fehlen” hinweist, dann könnte das für Sie als Team bedeuten, dass Sie hier gemeinsam herausfinden können, was in der beschriebenen Situation gefehlt haben mag, um zu einer guten Lösung zu kommen”.

Nutzen durch schuldfreien Raum und lösungsorientierte Haltung

Erfahrungsgemäß ist diese Intervention deshalb hilfreich, weil sie zweierlei Nutzen hat: Zum einen wird die Verantwortung für die Situation nicht mehr nur einer Person zugeschrieben, sondern versachlicht und als Frage an alle Beteiligten gerichtet. Dadurch entsteht ein schuldfreier Raum, in dem alle Mitglieder eines Teams gefragt sind, sich mit einer für alle Beteiligten relevanten Frage zu beschäftigen. Zum anderen ist es eine lösungs- und ressourcenorientierte Fragestellung, die die Kreativität, Analysefähigkeit, Innovationskraft und die Lösungsfindungskompetenz der Beteiligten anspricht. Diese beiden Nutzen waren in meiner bisherigen Arbeit besonders wertvoll und ich kann die Anwendung dieser sprachlichen Nuancierung für sämtliche Beratungsformate empfehlen. Ich empfinde die Intervention als weiteren kleinen Schritt weg von einer Fehlerkultur und hin zu einem "lessons learned" und habe in Mediationen in der Vergangenheit oft erlebt, wie die Medianden nach dieser Intervention hörbar aufgeatmet haben und besonders schnell eine große Bereitschaft entstanden ist, gemeinsam und als Team nach dem fehlenden Element zu suchen.

Wie sind Eure Erfahrungen mit dem Wort Fehler? Schreibt uns in die Kommentare oder lasst einen nützlichen Tipp für andere Mediator:innen da, damit wir gegenseitig voneinander lernen.

Dieser Artikel erschien im Frühjahr 2020 in der "Spektrum der Mediation", Ausgabe Nr. 80.

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